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Die Dreyfus-Affäre

53. Sitzung der HUMBOLDT-GESELLSCHAFT am 04.02.98 von Stefan Nehrkorn



Im Frankreich des ausgehenden 19. Jahrhunderts brach eine allgemeine Krise aus, die erst etwa 1900 endete. Sie ging zurück auf den 22. Dezember 1894, als das Oberste Kriegsgericht in Paris einen Hauptmann der Artillerie der "Komplizenschaft mit einer ausländischen Macht" schuldig sprach. Die Erinnerung an die Affäre um den jüdischen Offizier Alfred Dreyfus, der unschuldig an dem Landesverrat war, für den er angeklagt, verurteilt, degradiert und verbannt wurde, nimmt einen herausragenden Platz in der französischen Geschichte ein und ist ein Markstein der Bürgeremanzipation in der Republik.

Zur historischen Situation

In den letzten zehn Jahren des 19. Jahrhunderts schien das Trauma der Niederlage von 1870 überwunden. Dennoch wurde der Wunsch nach Vergeltung stärker. Die Kolonialherrschaft in Nordafrika war gefestigt. Die Annäherung an Rußland durch ein Militärbündnis und zahlreiche diplomatische Abkommen wurde von einigen Politikern beargwöhnt, da sie Verträge mit dem zaristischen Regime für unvereinbar mit der "Republik" hielten. Mit der Armee hatte die Republik ein strukturelles Merkmal der monarchischen Staatsform geerbt. In der Armee war die Aristokratie überrepräsentiert und politisch der Monarchie zugeneigt. Demokratisierung und Modernisierung begannen dennoch, sie allmählich zu verändern. Der Antisemitismus war kein persönlicher Zug oberster Befehlshaber, sondern bezeichnend für die Armee als Bestandteil der damaligen französischen Gesellschaft. Antisemitische Gedanken verbreiteten sich durch Zeitungsartikel und Bücher -wie "La France juive" (1886)- von Edouard Drumonts im Offizierskorps mit rasanter Geschwindigkeit.

Die Armee repräsentierte für französische Juden -Staatsbürger seit der Revolution, Patrioten und oft Laizisten- den Standort vorbildlicher Republikaner und den Ort des ehrenvollen Diensts an der Republik. Für einen jungen Elsässer aus Mulhouse, (EXTERN) Alfred Dreyfus, war der Eintritt 1878 ein patriotischer Akt.

Die Affäre

Zu ihrer eigenen Sicherheit besaß die Armee mit der "Sektion für Statistik" einen Dienst für Spionageabwehr, der gleichzeitig den Feind auskundschaftete. Eine Aufgabe bestand darin, die Deutsche Botschaft in der Rue de Lille auszuspionieren. Der Inhalt der Papierkörbe des deutschen Militärattachés Schwarzkoppen wurde regelmäßig durch eine Putzfrau der "Sektion" übergeben. Am 25. September 1894 gelangte so das "Bordereau" in die Hand der Spionageabwehr, ein Brief, in dem ein französischer Armeeangehöriger Daten über Artilleriegeschütze zur Durchsicht anbot. Bereits im Frühjahr hatte die Sektion einen Brief abgefangen, in dem die Rede von "der Kanaille von D." war. Nachforschungen wurden angestellt. Seit Anfang Oktober war sich der Generalstab einig, daß nur Dreyfus der Verräter sein konnte. Der antisemitisch eingefärbte Anfangsverdacht sollte sich verselbständigen. Am 15. Oktober wurde Dreyfus zu einer Inspektion einbestellt. Unter Vorwand wurde er zur Abfassung eines handgeschriebenen Briefs gebeten. Ein umstrittenes graphologisches Gutachten bestätigte die Identität seiner Handschrift mit der des "Bordereaus". Dreyfus wurde verhaftet.

Die Presse nahm sich des Falls an. Eine hitzige Zeitungsdebatte setzte den Generalstab unter Zugzwang. Die Gerüchte über "eine unmittelbare Kriegsgefahr", die durch den Verrat bestünde, wurden durch die strenge Geheimhaltungspraxis des Generalstabs zusätzlich geschürt. Eine angebliche "Geheimakte" wurde der Öffentlichkeit vorenthalten. Die Ermittlungen wurden forciert und oberflächlicher. Die antisemitischen Ressentiments von Dreyfus‘ Kameraden galten schon als Beweis.

Am 22. Dezember 1894 wurde Dreyfus wegen Landesverrats verurteilt. Die öffentliche Degradierung folgte am 5. Januar 1895. Alle Regimenter hatten eine Abordnung geschickt. Nach der Verlesung des Urteils wurden Dreyfus die Schulterstreifen abgerissen und der Säbel zerbrochen. Eine aufgebrachte Menge schleuderte ihm antisemitische Beleidigungen entgegen. Dreyfus defilierte vor der Truppe und schrie seine Unschuld heraus. Ein Pressebeobachter berichtete später, daß ihm dieses Ereignis die Augen geöffnet habe: der Begründer der zionistischen Bewegung Theodor Herzl. Am 21. Februar 1895 wurde Dreyfus auf die Teufelsinsel vor Guayana/Südamerika gebracht und in Ketten gelegt.

Im März 1896 wurde durch die "Sektion für Statistik" das "Petit bleu" abgefangen. Die Ähnlichkeit mit dem "Bordereau" war unverkennbar. Der Verdacht fiel nun auf den Offizier Esterhazy, der seinen aufwendigen Lebensstil mit Verrat finanzierte. Der Leiter der Sektion wurde nach Unterrichtung des Generalstabs abberufen. In der Sektion wurden in der Folge zur Stützung der Schuld Dreyfus‘ Beweise gefälscht und der Geheimakte beigefügt. Esterhazy wurde am 11. Januar 1898 von einem Militärgericht von aller Schuld freigesprochen. Schon zuvor war die Gesellschaft durch die Affäre stark polarisiert worden. Das flammendste Bekenntnis eines Dreyfus-Anhängers war am 13. Januar 1898 der Zeitungsartikel (EXTERN) "J’accuse" von Emile Zola. Der offene Brief an den Präsidenten war so scharf, daß sich Zola eine Zivilklage davon versprach. Im folgenden Prozeß kam der "abgeschlossene Fall Dreyfus" aber kaum zur Sprache. Die Wahlen vom 8. Mai brachten einen neuen Kriegsminister ins Amt, der durch die Veröffentlichung der "Geheimakte" alle Zweifel an Dreyfus‘ Schuld beseitigen wollte. Das Lügenkartell zerbrach jedoch, ein Fälscher aus der Sektion wählte den Freitod, Esterhazy floh außer Landes, der Kriegsminister trat zurück. Der Sommer 1899 brachte die Wiederaufnahme des Verfahrens. Am 9. September wurde Dreyfus mit mildernden Umständen schuldig gesprochen und noch am selben Tag vom französischen Präsidenten begnadigt. Dreyfus war frei. Im Juli 1906 wurde er als Ritter der Ehrenlegion wieder in die Armee aufgenommen.

Die Affäre gilt heute noch vielen als Geburtsstunde des intellektuellen Engagements. Zolas "J'accuse" ist nur ein Beispiel. Der genaue Verlauf der Affäre, die zerstörerische Polarisierung der Gesellschaft und die Konstruktion der Schuld konnten hier nur umrissen werden. Detailliertere Darstellungen finden sich in der nachstehenden Literatur.

Stefan Nehrkorn

Literatur:

Vincent Duclert: Die Dreyfusaffäre, Militärwahn, Republikfeindschaft, Judenhaß; Berlin 1994.

Julius H. Schoeps: Theodor Herzl und die Dreyfusaffäre, Wien 1995.

Empfehlung:

"Die Affäre Dreyfus" ein Film von Yves Boisset (1995) nach dem Buch "L‘affaire" von Jean-Denis Bredin